Warum gewann „sitt“?
Die Jury suchte nach einem kurzen, gut sprechbaren Wort, das ohne Markenbezug auskommt und sich unauffällig in das Deutsche einfügt. „Sitt“ gewann besonders durch seine Nähe zu „satt“.
1999 suchten Lipton und die Dudenredaktion öffentlich nach dem Gegenstück zu durstig. Rund 100.000 Menschen machten mit, etwa 45.000 Vorschläge kamen zusammen – und „sitt“ gewann. Die deutsche Sprache blieb trotzdem weitgehend durstig nach einem etablierten Wort.
Von April bis August 1999 riefen Lipton und die Dudenredaktion dazu auf, eine auffällige Lücke zu füllen: Wie heißt der Zustand nach dem Trinken, wenn der Durst verschwunden ist? Die Aktion war zugleich Sprachspiel, Publikumswettbewerb und Werbung.
Die Jury suchte nach einem kurzen, gut sprechbaren Wort, das ohne Markenbezug auskommt und sich unauffällig in das Deutsche einfügt. „Sitt“ gewann besonders durch seine Nähe zu „satt“.
Die Bandbreite reichte von nüchternen Umschreibungen bis zu Wortspielen. Zeitgenössisch genannt wurden unter anderem:
Einige weitere Einsendungen spielten direkt auf Getränkemarken an und fielen gerade deshalb durch das Auswahlraster.
1999 war weder der erste Gedanke an ein Gegenwort zu „durstig“ noch das Ende der Debatte. Die Zeitleiste zeigt, wie aus einem sprachlichen Rätsel ein mediales Langzeitkuriosum wurde.
In der Satirebeilage Welt im Spiegel wurde bereits vorgeschlagen, „schmöll“ für „nicht mehr durstig“ zu verwenden. Der Vorschlag tauchte 1993 in der Debatte erneut als Leserhinweis auf.
Die Gesellschaft für deutsche Sprache fragte nach einem Gegenwort zu „durstig“. Die taz berichtete am 2. August 1993 darüber. Vorschläge wie „trinksatt“ und „voll“ galten als wenig geeignet; ein dauerhaft akzeptiertes Siegerwort entstand nicht.
Verbraucherinnen, Verbraucher und Schülerinnen und Schüler konnten per Postkarte, Telefon und Internet Vorschläge einreichen. Der Wettbewerb war ausdrücklich öffentlichkeits- und werbewirksam angelegt.
Die Jury verkündet das Siegerwort. Der 17-jährige Jascha Froer aus Ludwigsburg wird aus den 40 Personen gezogen, die „sitt“ eingesandt hatten, und als Preisträger vorgestellt.
„Sitt“ bleibt ein beliebtes Quiz- und Sprachkuriosum, aber ein seltener tatsächlicher Gebrauchsfall. Das ist entscheidend: Wörterbücher dokumentieren in erster Linie etablierten Sprachgebrauch, sie können ihn nicht einfach per Wettbewerb verordnen.
Im Schülerduden Rechtschreibung wird „sitt“ als Sieger der Suchaktion erwähnt – mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass sich die Wortneuschöpfung im Allgemeinwortschatz bis dahin nicht durchsetzen konnte.
Die aktuelle Duden-Suche liefert für „sitt“ keinen Wörterbuchartikel. Das Wort existiert als dokumentierte Neuschöpfung, aber nicht als etabliertes Standardwort.
Im modernen Alltagsdeutsch fehlt tatsächlich ein verbreitetes, eindeutiges Adjektiv parallel zu „satt“. Historisch ist die Lage jedoch komplizierter: „satt“ konnte selbst auch auf gestillten Durst bezogen werden.
Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm beschreibt „satt“ zunächst als einen Zustand, in dem jemand seinen Hunger oder Durst gestillt hat – wobei die Verwendung für Hunger schon damals als die gewöhnlichere galt.
Das Projekt „Deutsche WortSchätze“ der Universität Graz fasst diese historische Bedeutung entsprechend zusammen. Damit ist die PR-Erzählung einer absolut „leeren“ Stelle im Wortschatz zu einfach: Es gab semantisches Material, nur kein modernes, unmissverständliches Paar durstig ↔ X.
Sprachsysteme sind nicht symmetrisch. Für viele Gegensätze existiert kein einzelnes Gegenwort. Deutschsprechende lösen das Problem normalerweise problemlos mit „Ich habe keinen Durst mehr“, „mein Durst ist gestillt“ oder kontextabhängig „ich habe genug getrunken“.
„Sitt“ war daher weniger die Reparatur eines Kommunikationsnotstands als der Versuch, eine auffällige lexikalische Asymmetrie elegant sichtbar zu machen – und daraus ein einprägsames öffentliches Sprachereignis zu bauen.
Viele kennen „sitt“ gerade aus der Erklärung „das Wort für nicht durstig“. Metasprachliche Bekanntheit erzeugt aber noch keinen spontanen Alltagsgebrauch.
„Kein Durst mehr“ ist transparent und natürlicher als ein ungewohntes Kunstwort. Der kommunikative Druck zur Einführung eines neuen Lexems war gering.
Eine Jury kann einen Vorschlag auswählen, aber die Sprachgemeinschaft entscheidet durch tatsächliche Verwendung, ob daraus ein etabliertes Wort wird.
„Sitt und satt“ ist merkfähig und eignet sich für Quizfragen – genau diese Kuriosität kann das Wort zugleich in einer Nische festhalten.
Je nach Großschreibung, Sprache und grammatischem Kontext kann dieselbe Buchstabenfolge etwas ganz anderes sein. Diese Verwendungen sind etymologisch nicht mit dem Duden/Lipton-Kunstwort verbunden.
Adjektiv für „nicht mehr durstig“. 1999 als Sieger der Suchaktion ausgewählt; selten und nicht standardsprachlich etabliert.
„Nach zwei Gläsern Wasser bin ich sitt.“
„Sitt“ kommt als Nachname vor, unter anderem beim böhmisch-deutschen Geiger, Dirigenten, Musikpädagogen und Komponisten Hans Sitt (1850–1922). Der Familienname ist unabhängig vom Kunstwort.
Eigenname, daher großgeschrieben: „Hans Sitt“.
Hans Sitt im PorträtIm Schwedischen ist sitt die Neutrumform des reflexiven Possessivpronomens sin („sein/ihr eigenes“) und zugleich der Imperativ des Verbs sitta („sitzen“).
„Hon städade sitt hus.“ = „Sie putzte ihr eigenes Haus.“
„Sitt!“ = „Sitz!“
Rund um „sitt“ haben sich erstaunlich viele falsche oder verkürzte Angaben verbreitet. Die folgenden Punkte sind anhand zeitgenössischer Berichte und aktueller Duden-Informationen besonders gut überprüfbar.
Für alle, die nur die Kernpunkte brauchen – ohne die Geschichte zu verkürzen.
Es ist eine dokumentierte deutsche Wortneuschöpfung mit klarer Bedeutung. „Echt“ im Sinn von breit etabliertem Standardwort ist es jedoch nicht.
Nein. Die aktuelle Duden-Suche führt keinen Wörterbucheintrag für das Adjektiv; der Duden thematisiert die Wortschöpfung aber in sprachkundlichen Materialien.
Meist gibt es kein einzelnes Adjektiv: Man sagt „nicht mehr durstig“, „keinen Durst mehr haben“ oder „der Durst ist gestillt“.
Für das deutsche Kunstwort wird typischerweise [zɪt] angegeben; einzelne Quellen nennen auch [sɪt].
Es ist kurz, gut aussprechbar, markenfrei und erinnert formal an „satt“. Besonders werbewirksam war das Paar „sitt und satt“.
Nein. Zeitgenössisch wurde zwar spielerisch auf lateinisch sitim sedare („den Durst löschen“) verwiesen. Die Auswahl beruhte aber auf der deutschen Analogie zu „satt“.
Priorisiert wurden zeitgenössische Berichte von 1993/1999 und eine spätere Duden-Eigenaussage. Sekundärquellen wurden vor allem für Ergänzungen und Bedeutungsvarianten genutzt. Widersprüche – insbesondere die falsche Jahreszahl 1996 – werden nicht glattgebügelt, sondern sichtbar gemacht.
8.10.1999. Belegt 100.000 Einsender, Juryentscheidung, Begründung der Auswahl, 40 „sitt“-Einsender und die Bedingung für einen möglichen Duden-Eintrag.
7.10.1999. Belegt Präsentationsdatum, Hamburg, rund 100.000 Teilnehmende, Jascha Froer und die Aussage, dass „sitt“ vorher nicht zum deutschen Sprachschatz gehörte.
7.10.1999. Besonders nützlich für den Zeitraum April–August, die Einreichungswege, Auswahlkriterien und den PR-Charakter der Aktion.
Der Duden nennt rund 45.000 Vorschläge, „sitt“ als Sieger und urteilt rückblickend, die Wortneuschöpfung habe sich im Allgemeinwortschatz nicht durchsetzen können.
Zeigt aktuell keinen Wörterbuchartikel für das gesuchte Adjektiv; Treffer betreffen andere Wörter wie „Sitte“ oder „Sitten…“.
2.8.1993. Dokumentiert die frühere GfdS-Debatte und zeigt, dass die Suche nach einem Gegenwort mindestens sechs Jahre vor dem Lipton/Duden-Wettbewerb öffentlich geführt wurde.
Fasst die historische Grimm-Bedeutung zusammen: „satt“ konnte ursprünglich bedeuten, Hunger oder Durst gestillt zu haben.
Ergänzende Angaben zur deutschen Aussprache sowie zu den unabhängigen schwedischen Formen sitt als Possessivform und Imperativ.